Glögg oder Mai Tai?

Eine Nachweihnachtsgeschichte

“Grummel, grummel…” die Kapuze tief ins Gesicht gezogen stampft er morgenmufflig durch den Schneeregen. Der Morgen verwandelt sich langsam von dunkelgrau in ein helleres Grau, in seiner Farblosigkeit harmonisch mit den nassgrauen Strassen und dem von den Abgasen geschwärzten Schnee. Einzig seine rote Jacke bildet einen Kontrast zum eintönigen Dezembertag und seiner farblosen Laune.

Eigentlich mag er diese Zeit, er mag es, nichts zu müssen, einfach mal ganz faul zu Hause zu sitzen, weil einen der dichte Nebel nicht nach draussen lässt. Ach, würde er doch nur nichts müssen. Aber sein jährlicher grosser Auftritt steht an, auch wenn längst niemand mehr wirklich an ihn glaubt, und er nur noch etwas zwischen Symbolfigur und lächerlicher Kreatur darstellt. Und es wird dann doch alle Jahre wieder erwartet, dass der Weihnachtsmann – also er – sein liebevollstes Lächeln aufsetzt und die Kleinen davon überzeugt, ab jetzt auf den Schnuller zu verzichten, der grossen Schwester nicht mehr an den Haaren zu ziehen oder für die Erwachsenen so etwas wie die Verköperung des Karmas darstellt. Aber gäbe es Karma wirklich, hätte er längst eine Million im Lotto gewonnen und würde jetzt in einem Mustang durch Miami brettern.

FERNWEH. In grossen Lettern strahlt ihm dieses altbekannte Gefühl vom Leuchtplakat einer Reisegesellschaft entgegen. Und in diesem Moment klickt es im Kopf von Niklaus. Seine Freunde nennen ihn übrigens Mick, ein wenig wie die Abkürzung Nick und wegen seines Lieblingssängers Mick Jagger. Im Kopf von Mick macht es also Klick und er beschliesst, dass Weihnachten dieses Jahr ohne ihn stattfinden wird. Das wird schon gehen, denkt er, niemand ist unersetzbar, sagt er sich. Um die Geschenke kümmert sich längst die Spielzeugindustrie Japans und um nur als Buhmann zu gelten (“wenn du nicht brav bist, kommt der Weihnachtsmann und schimpft mit dir”) ist auf Dauer einfach nicht befriedigend.

Die Buchung der Ferien war ganz einfach und das super-last-minute-Angebot lässt ihm nicht einmal genügend Zeit, nervös zu werden: Heute buchen, schnell nach Hause zum Packen und morgen früh geht es schon ans andere Ende der Welt. 2 Wochen Karibik all inclusive – das hat er sich verdient! Zum Glück ist er so unabhängig: Mick ist Single seit Jahren, was nicht heisst, dass er nicht ab und zu hübsche junge Damen datet, aber eigentlich gefällt ihm sein Leben als einsamer Wolf und niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Ausserdem hat er keine Haustiere, für die er nun ein Plätzchen suchen müsste. Er besass einmal ein grosses Aquarium mit schönen, bunten Fischen, aber irgendwie war er eben doch nie der Typ für Haustiere und hat nach nicht einmal einem halben Jahr die Fische mitsamt ihrem nassen Zuhause den Nachbarskindern verschenkt. Ach ja, und das mit den Rentieren ist natürlich Quatsch, wieder mal so eine Erfindung aus Hollywood – als ob Rentiere fliegen könnten, pfffft…!

Am 26. Dezember ist nun der sechste Tag seiner Ferien, sechs Tage Nichtstun, sechs Tage Hawaiihemd, sechs Tage Mai Tai. Weihnachten ist vorbei und hat auch ohne ihn funktioniert – natürlich. Aber vielleicht hat eben doch etwas gefehlt, vielleicht war es irgendwie einfach nicht das Selbe. Es ist aber auch gut möglich, dass gar niemandem aufgefallen ist, dass der Weihnachtsmann für einmal gar nicht dabei war. Und wie geht die Geschichte weiter? Wird er einfach so wieder zurückkehren? Wir werden es merken nächstes Jahr. Vielleicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: